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Zu "Alexanders Fest" von Georg Friedrich Händel am 21. Mai 2000


Ohne diese Cäcilie wäre das Leben ein Irrtum

Dem Motettenchor Lörrach gelingt eine überzeugende Interpretation von Händels Oratorium "Alexanders Fest"

LÖRRACH. "Es war ihr, als ob das ganze Schrecken der Tonkunst, das ihre Söhne verderbt hatte, über ihrem Haupte rauschend daherzöge", heißt es in Kleists Legende "Die Heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik". In ihr wird die Schutzpatronin der Musik und der Musiker als gewalttätige Rächerin beschrieben, die die vier jungen Bilderstürmer in die Knie zwingt und sie ein "Gloria in excelsis" singen lässt, "... mit einer Stimme, welche die Fenster des Hauses bersten machte... So mögen sich Leoparden und Wölfe anhören lassen, wenn sie, zur eisigen Winterzeit, das Firmament anbrüllen." Soweit Kleist.

In John Drydens "Ode zu Ehren der Heiligen Cäcilia", 1697 nierdergeschrieben, geht es wesentlich humaner zu, und Händel hat seiner Schutzpatronin eine seiner inspiriertesten Oratorienmusiken komponiert. Am Sonntag Abend war sie im Burghof vom Motettenchor unter Stephan Böllhoffs Einstudierung und Leitung zu hören und wurde zum restlos beglückenden Musikerlebnis. Das lag zum einen an den Interpreten: dem Chor, der schön, präzise und vom Geist der Texte her sang. Es lag weiter am Orchester des Motettenchores (Konzertmeisterin Miriam Rudolph), das kammermusikalisch besetzt, sensibel und ohne hörbare Schwächen spielte, und in dem neben den guten Instrumentalsolisten die Streicher mit schöner Tonbildung überzeugten.

Und es lag ganz besonders an den ausgezeichneten Gesangssolisten: Regina Kabis (Sopran), Bernhard Gärtner (Tenor) und Ekkehard Abele (Bass). Regina Kabis hat einen wunderbar schlanken Sopran, der die Texte in neu durchdachter Schlichtheit erklingen ließ. Cäcilia als Harmonie und Schönheit bringender Engel, "das Schrecken der Tonkunst" ist diesem Engel wesensfremd. Bernhard Gärtner als angenehm timbrierter Rhapsode sorgte mit voluminöser Stimme dafür, das Fest real zu halten und nicht in bloße Lieblichkeit abrutschen zu lassen. Dass es hier einen Kampf um die Vorherrschaft gab, sang Ekkehard Abele glaubhaft und mit schönem Pathos in der Stimme. Alle drei Gesangsolisten ließen keinen Wunsch offen; es war ein Genuss, ihnen zuzuhören.

Stephan Böllhoffs Gespür für diese Musik ist bewundernswert. Indem er ihr stilles Pathos unaufdringlich herausstellt und ihr imperiales bändigt, dabei aber keine irgendwie romantisierende Idylle aus ihr macht, gewinnt das gesamte Oratorium neue Glaubwürdigkeit und neue Lebendigkeit. Gerade weil nichts historisiert und nichts aufgepfropft modernisiert wurde, wurde Böllhoffs Interpretation zum Sieg der Musik. "Die Macht der Musik" als bereichernde, lebenstiftende, nicht zerstörende Macht.

Ohne diese Cäcilie wäre das Leben tatsächlich ein Irrtum. Aus dieser Einsicht heraus, so hörte sich's an, fand Böllhoff die genau richtigen Tempi, die als Abfolge einen inneren Rhythmus erzeugten, der als eine Art bewegte Harmonie die Zuhörer beglückte. Die dankten es dem Chor, den Solisten, dem Orchester und dem Maestro mit langem, begeisterten Beifall.

Nikolaus Cybinski

Aus der Badischen Zeitung vom 23. Mai 2000


Letzte Aktualisierung: 16.04.08 - dtp-net / Wolfgang Bund