Hommage an eine Verkannte
Der Motettenchor Lörrach widmete sich dem geistlichen Chorwerk von Fanny Hensel
Am Abend des großen Kirchenbrands in Lörrach sang
der Motettenchor die "Hiob"-Kantate von Fanny Hensel-Mendelssohn.
Angesichts der dramatischen Tagesereignisse bekam die biblische
Geschichte des Menschen, der von vielen Prüfungen heimgesucht
wird, noch zusätzliche Aktualität und Aussagekraft. Doch von
Klage und Trauer fand dieses geistliche Konzert in St. Peter dann auch
den Bogen zu Trost, Zuversicht und Lobgesang.
Überhaupt war es ein ambitioniertes und
begrüßenswertes Projekt des Lörracher Motettenchors
unter Leitung von Stephan Böllhoff, sich im Rahmen des
Stimmenfestivals dem geistlichen Chorwerk von Fanny Hensel zu widmen
und diesem die gebührende Beachtung zu verschaffen. Denn die
Komponistin steht, wie die meisten Musikerinnen des 19. Jahrhunderts,
im Schatten ihrer männlichen Zeitgenossen, in diesem Fall ihres
berühmten Bruders Felix. Es war also eine willkommene Hommage an
die "verkannte Schwester" und eine Entdeckung und Bereicherung des
Standard-Repertoires, diese Chorwerke von ihr zu hören.
Und die Komponistin Fanny Hensel muss ihr Licht wahrlich nicht
unter den Scheffel stellen, vergleicht man ihre Werke mit anderen
Kantaten und Oratorien. Ein gewisser Ton der Milde, der
Herzenswärme und des Mitleidens, der den Ausdruck von Trauer und
Schmerz abmildert, lag über dem Hauptwerk des Abends, der
"Cholera"-Kantate. 1831 hatte die Cholera in Berlin verheerend
gewütet, und Fanny Hensel gedenkt in ihrem Oratorium nach Bildern
der Bibel der Opfer dieser Epidemie. Wie in einer Collage fügt sie
in ihrer Vertonung Texte aus dem Alten und Neuen Testament zusammen.
Auffallend an dem Werk sind eine besonders feinfühlige
Instrumentierung, einige bachisch klingende Chorpartien und
interessante Stellen wie die einzige Tenor-Arie.
An der Stelle "Wehe es ist geschehn" gibt der Chor sehr
nachdrücklich der Not der Menschen eine Stimme. Von
elegisch-kantablem Streicherklang begleitet wird der Trauerchor,
während sich im "Chor der Seligen" die Stimmung hin zum
Zuversichtlichen, Tröstlichen verändert und das Werk mit
einem mächtigen Lobgesang ausklingt. Es war beeindruckend, mit
welcher Einfühlung, guter stimmlicher Disposition und
Textverständlichkeit der Motettenchor diese verschiedenen
Chorpartien nachzeichnete und wie behutsam und berührend die
Sänger gerade den "Trauerchor" sangen. Den Vokalsolisten sind
bestimmte Rollen zugeordnet: dem Sopran das Tröstende, dem Alt das
Mahnende, aber auch das Ermunternde, dem Bass die Worte Gottes oder
Jesu und dem Tenor die Stimme des hilflos leidenden Menschen.
Herausragend souverän, mit dramatischem Impetus und schlanker
Stimme gestaltete Karl-Heinz Brandt die Tenor-Arie "Ich bin elend".
Empfindsam sang Julia Thornton mit ihrem schönen lyrischen, in der
Höhe leuchtenden Sopran ihr Arioso und die Rezitative, und auch
Silke Marchfelds Alt hatte die gewohnte Eindringlichkeit. Respektabel
im Rahmen seiner stimmlichen Möglichkeiten schlug sich der junge,
noch an der Musikhochschule Freiburg studierende Bassist Manfred
Plomer, der kurzfristig für Georg Gädker einsprang.
Vor der "Cholera-Musik" stand mit der "Hiob"-Kantate nach
Texten aus dem alttestamentarischen Buch Hiob ein weiteres
eindringliches Werk auf dem Programm. Der erhebende Chorgesang, die
hervorragende Stimmendurchzeichnung, das bewegte Orchestergeschehen und
die ariosen Soli machten diese Kantate sehr hörenswert. Als
drittes Werk erklang die "Lobgesang"-Kantate, die Fanny Hensel aus
Freude über die Geburt ihres Sohnes geschrieben hat. Schon die
einleitende Pastorale fällt durch einen weichen Orchesterklang
auf, der Chorgesang klingt an der Stelle "Meine Seele ist stille "
licht, transparent und fließend in der Stimmführung. Auch
das bewegend gesungene Alt-Rezitativ ist erfüllt von
Ausdruckswärme und in der Sopran-Aria schwingt jener freudige
Grundton von Dankbarkeit und Gotteslob mit, den Fanny Hensel ihrer
Lobgesang-Kantate mitgegeben hat. Langer Beifall.
Roswitha Frey
Aus der Badischen Zeitung vom 17. Juli 2007
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