Idealdienst an Fanny Hensels Werk
Motettenchor begeistert mit drei Kantaten der bedeutenden Komponistin im Rahmen des Stimmenfestivals
Lörrach. Ein Konzerterlebnis von außerordentlich
rarem Rang bot der Motettenchor Lörrach am Sonntagabend in St.
Peter mit der Aufführung dreier geistlicher Chorwerke der wohl
bedeutendsten Komponistin des 19. Jahrhunderts: Fanny
Hensel-Mendelssohn. Die vor 160 Jahren verstorbene ältere
Schwester von Felix Mendelssohn-Bartholdy hinterließ ein
umfangreiches Oeuvre von rund 400 Werken, die zu Lebzeiten wohl von
einem kleinen erwählten Hörerkreis zur Kenntnis genommen
wurden, dann aber bis weit ins 20. Jahrhundert hinein der Ignoranz des
Konzertbetriebs anheim fielen. Unter anderem mit der Begründung,
dass sie dem Vergleich mit den Kompositionen des hochberühmten
Bruders nicht standhielten.
Die Lörracher Aufführung ihrer Hiobs-, Lobgesang-
und Cholera-Kantaten - letztere könnte auch den Rang eines kleinen
Oratoriums beanspruchen - konnte solche musikgeschichtlich obsoleten
Ansichten nur Lügen strafen. Denn hier wurden drei Meisterwerke
gegeben, deren dramatische Impulse, grandioser melodischer Reichtum und
überzeugende Ausdruckskraft einer tief empfundenen
Glaubensgewissheit substanziell den großen Oratorienwerken von
Bruder Felix ebenbürtig waren und immer wieder an die
überragenden Vorbilder der Komponistin, Bach und Händel,
erinnerten.
Da flankieren etwa bei "Hiob" zwei exquisite Chorpartien ein
berückendes Alt-Arioso, wird im "Lobgesang" mit aller Anmut das
Glück einer jungen Mutter geschildert, gipfelnd in der
großen Sopranarie "O dass ich tausend Zungen hätte", und
erklingen in der großen Kantate zum Gedächtnis der zahllosen
Toten, die 1831 in Berlin einer Cholera-Epidemie zum Opfer fielen,
unter anderem ein herzergreifender Trauerchor, ein wunderbarer
Trostgesang der Seligen und am Schluss ein triumphaler Lobpreis,
ebenbürtig allem, was die Großmeister voluminöser
Kirchenmusik in ähnlicher Form schufen.
Stephan Böllhoff und sein Motettenchor nebst dem
stringent aufspielenden Orchester deuteten diese ergreifenden Werke mit
aller Sorgfalt und fesselnder Klangdramaturgie aus. Die Wiedergabe
ließ keine Wünsche offen hinsichtlich Klangschönheit,
Präzision und dynamischer Differenziertheit. Im Solistenterzett
exponierten sich die mit großer Stimme imponierende Altistin
Silke Marchfeld und die silberhelle Strahlkraft entfaltende Sopranistin
Julia Thornton. Eher bescheiden hatte die Komponistin die Aufgaben
für den Bassisten angelegt. Um diese machte sich Manfred Plomer
besonders verdient, musste er sich doch als Einspringer für den
erkrankten Georg Gädker innerhalb von zwei Tagen die ihm
völlig unbekannten Partien erarbeiten. Der minutenlange
Schlussbeifall für alle Beteiligten war hoch verdient.
Walter Bronner
Aus dem Oberbadischen Volksblatt vom 17. Juli 2007
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