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Meister Bachs tönendes Universum


Der Lörracher Motettenchor und sein Orchester führten die Matthäus-Passion auf - es wurde zum beeindruckenden Ereignis

LÖRRACH. In Meinrad Walters lesenswerten Erläuterungen der Matthäus-Passion wird gleich zu Beginn die legendäre "adeliche Witwe" zitiert, die nach dem Hören der Passion entsetzt und kokett von einer "Opera-Comedie" sprach. Ihr antwortete eineinhalb Jahrhunderte später einer der aggressivsten Kritiker des Christentums, Friedrich Nietzsche: "Wer das Christentum völlig verlernt hat, der hört es hier wie ein Evangelium." Das also vermochte und vermag immer noch Bachs Musik, und der Sonntagabend in der Peterskirche bestätigte diesen Befund. Stephan Böllhoffs in zwei Jahrzehnten als Chorleiter gemachten Erfahrungen mit überwiegend geistlicher Musik ermöglichen es ihm heute, seine Interpretation dort festzumachen, wonach allem, was wir von ihm wissen Bach sie auch platziert hätte: in die Spannung zwischen vorgegebenem Verkünden der Leidensgeschichte und dem persönlichen Erleben in jedem Zuhörer.

Dass diese Balance derart souverän glückte, machte nicht nur die drei Stunden zu einem beeindruckenden Hörerlebnis, sondern bewies zugleich, wie unschätzbar wichtig Böllhoffs angesammeltes Know-how für den Motettenchor ist. Es gelingt ihm immer noch, und vielleicht nun stärker als zuvor, den großen Chor zu begeistern, zu formen und zu erziehen, denn Intonation und Artikulation blieben durchgehend tadellos, und die von seinem Rollenspiel geforderten Stimmungen wurden, sicher und glaubhaft gesungen, unverkürzt hörbar.

Vielleicht hätte ein Choral wie zum Beispiel "Bin ich gleich von dir gewichen" verinnerlichter und auch langsamer gesungen werden können, doch gesamthaft gehört tat Böllhoffs Zügigkeit den 15 Chorälen gut. So bliehen sie vom "dicken Glaubensqualm" (Zelter) verschont und wurden auch nicht zur "evangelischen Seelenlust" (Picander), sondern als eher sachliche, leicht distanzierende Bekenntnisse hörbar. Kann sein, wir hörten am Sonntag den besten Motettenchor der vergangenen Jahre.

Die Gesangssolisten Ruth Liebscher, Sopran, Ursula Eitinger, Alt und der Evangelist Paolo Vignoli sangen sich immer intensiver in ihre "Rollen" ein. Vignoli, anfangs der emotional sich zügelnde Berichterstatter, befreite sich von dieser Zurückgenommenheit und wurde immer stärker der Bote, der sich mit seiner Botschaft identifiziert und mitleidet. Angenehm zu hören waren die beiden Damen. Die Sopranistin begann leicht extrovertiert, fand jedoch immer überzeugender den Weg nach innen; ihre herausfordernden Höhen schaffte sie mühelos. Die Altistin gefiel von Anfang an. Ihr gelang das heikle Miteinander von Ergriffenheit durch den Text und die Musik und beider Gestaltung als Ausdruck christlicher Belehrung. Benno Schöning als Christus glückte eine überzeugende Leistung. Mit gleich bleibender stimmlicher und emotionaler Intensität bekannte er seine Zweifel und seine Verzweiflung. Die frische Art zu singen des Basses Wolfgang Newerla irritierte anfänglich leicht, doch er nahm von Mal zu Mal mehr für sich ein, und zuletzt wurde es richtig belebend und schön, ihm zuzuhören. Das Orchester des Motettenchores, zweigeteilt, spielte aufmerksam, engagiert und con affetto. Stellvertretend seien die beiden Konzertmeisterinnen Miriam Rudolph und Angelika Balzer genannt. Ein Lob auch Annegret Brakes Kinderchor Lörrach. Langer Beifall belohnte diese geglückte Aufführung.

Nikolaus Cybinski
Aus der Badischen Zeitung vom 30. März 2004


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