Impressionen wie es auch sein könnte
Das Weihnachtskonzert des Motettenchores Lörrach und der
Freiburger Blechbläser in der Kirche St. Peter in Lörrach
Manchmal genügen ein paar alte Chorsätze, um
Maßstäbe zu korrigieren; das Weihnachtsfest zum Beispiel
könnte neu erlebbar werden, wenn es nicht länger das
wäre, was wir aus ihm gemacht haben. Keine Angst, hier kommt jetzt
kein pastoral-moralisierendes Lamento über die Kommerzialisierung
und Sinnentleerung unseres sentimentalsten Festes, sondern es folgen
notierte Höreindrücke vom Konzert, das der Motettenchor
zusammen mit dem Freiburger Blechbläser-Ensemble und dem
Organisten Michael Blohm am Sonntagabend unter Stephan Böllhoffs
Leitung in der Lörracher Peterskirche gab.
Was fiel auf? Erster Höreindruck: Die Chorsätze aus
dem 16. und 17. Jahrhundert von Sweelinck (Holland), Philips, Weelkes
(England), Goudimel (Frankreich), da Victoria (Spanien), Gabrieli
(Italien) und Eccard, Schütz, Praetorius (Deutschland) haben oft
einen beschwingten, tänzerischen Rhythmus, was ja wohl nur so zu
deuten ist, dass diese Komponisten ihre Texte als freudige
Verheißung verstanden. Und noch in den Sätzen, die nicht
"swingen" und in denen die Musik nachdenklich oder gar feierlich
langsam voranschreitet, wird eine Zuversicht hörbar, die frei von
jeder Missionierung und jedem Gefühlskitsch in einfachen Worten
sagt, was Sache ist: Da wurde von einer Jungfrau ein Kind geboren, das
uns retten wird.
Also freut euch! "Freut euch!" sagten sie nicht, sondern
sangen "Alleluja", und daraus macht zum Beispiel Gabrieli einen
Freudentanz. A-cappella-Konzerte sind für Laienchöre immer
ein Wagnis. Das weiß ein erfahrener Chorerzieher wie Stephan
Böllhoff nur zu genau und darum hat er vorgesorgt. Verlangt von
seinem großen Chor nur, was der problemlos leisten kann und am
Sonntagabend, zweiter Höreindruck, leistete: Beweglichkeit, klare
Artikulation, stabile Intonation und homogenen Gesamtklang. Dass die
Bässe gelegentlich etwas grummelnd sangen wurde aufgewogen durch
die zum Beispiel in Praetorius' "Quem pastores laudavere ..." besonders
schön klingenden Soprane. Es hat Spaß gemacht, ihnen, aber
auch dem gesamten Chor zuzuhören. Eröffnet mit einer Intrada
von Melchior Franck haben das Konzert die Freiburger Blechbläser,
die seit zwei Jahren als Ensemble zusammenarbeiten und ein
hörenswertes Niveau erreicht haben. Ganz im Sinne des Programms
spielten sie zwischen englischen und französischen Chorsätzen
altfranzösische Tanzmusik, und diese Allemandes, Gaillards und
Branles waren in ihrer freudigen Bewegtheit ganz nah am Thema. Warum
nicht tanzen, wenn so etwas kaum zu Glaubendes versprochen wird? Da ist
auch Frescobaldis leichtfüßige "Toccta prima in g", die
Michael Blohm spielte, keineswegs fehl am Platz. Nun singet und seid
froh? Es ist einen Versuch wert. Dritter Höreindruck: Es war ein
sehr schönes Konzert. Langer, dankender Beifall, eine Zugabe.
Nikolaus Cybinski
Aus der Badischen Zeitung vom 14. Dezember 2004
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