Rossinis theatralische Botschaft
"Petite Messe Solennelle": Motettenchor Lörrach gab in der katholischen Kirche St. Fridolin sein Sommerkonzert
LÖRRACH. Ist sie, "diese arme kleine Messe", wie
Giacchino Rossini in einer Notiz für den lieben Gott seine "Petite
Messe Solennelle" nannte, ist sie nun "musique sacrée" oder
"sacrée musique", geistliche oder elende Musik? Rossinis
sprachliches Jonglieren ist das kokette Wortspiel eines erfolgreichen
Komponisten, der genau weiß, wie eine Messe klingen muss, damit
sie Gottes und italienische Ohren entzückt. Und inzwischen auch
deutsche! Diese Feststellung legt der lange, begeisterte Schlussbeifall
nahe, den der Motettenchor unter Stephan Böllhoffs Leitung in der
Fridolinskirche Lörrach bekam.
Eine Messe als dramatische geistliche Oper, in der alle
Gefühle und Leidenschaften durchgespielt werden, und die
exemplarisch klar macht, dass deutsche Verinnerlichung, wie tief und
echt auch immer, nur eine Ausdrucksform für das heilige Geschehen
ist. Daneben gibt es andere, etwa die Wendung nach außen in die
gezeigte Emphase bis hin zur tönenden theatralischen Geste. Darf
denn die Anrufung Gottes: "Domine Deus, Rex coelestis..." nicht in
einer tenoralen Belcanto-Arie geschehen? Stephan Böllhoff hatte
nichts dagegen und ließ Bernhard Gärtner freie Hand, und
darum öffnete sich für kurze Zeit ein geistlicher
Opernhimmel, in den versetzt zu werden durchaus angenehm war.
Auch die Sopranistin Sabina Martin, die Altistin Silke
Marchfeld und das Bass Markus Volpert hatten a11e Freiheit der
Gestaltung und nutzten sie nach Kräften. Die Bitte um Erbarmen als
große emphatische Geste, wohl wissend, dass bei allem Ernst immer
ein Schuss Theater unverzichthar ist,.um die Wirkung zu maximieren. Da
wird es nebensächlich, dass der Ensemblegesang stärker Neben-
als Miteinander war, dafür in der stimmlichen Vielfalt erst
richtig auflebte und ein imposantes Klangtheater erzeugte.
Es gab Augenblicke in den eineinhalb Stunden am Freitag abend,
da drängte sich der Gedanke auf, Rossini müsse Schuberts
Lieder, zumindest einige, gekannt haben, denn die Art, wie er die
Klaviere (Susanne Sieber and Angela Tippmann, Michael Kanacher,
Harmonium) den Text vor- und nachbereitend kommentieren lässt, das
klang des öfteren nach Schuberts mal dramatischer, mal epischer
Gestaltung: Miniaturopern, auf kurze Szenen aphoristisch komprimiert
und trotzdem aufgehoben im Kontext des Gesamtgeschehens. Der
Verdichtung antwortet die Erweiterung ins Extrovertierte, und in
Italien wäre nach den beiden grandiosen Chorfugen "Cum sancto
spiritu ..." und "Et vitam venturi saeculi..." Beifall aufgerauscht;
vielleicht hätten ja wie einst in Freiburg eine Italienerin in die
Stille nach dem Schlussakkord "Bravi!" rief, die Zuhörer in
Senigallia, wäre die Konzertreise nicht am Geldmangel gescheitert,
ebenso "Bravi!" gerufen, denn der verk1einerte Motettenchor sang
engagiert und diszipliniert und dennoch gleichsam italienisch. Stephan
Böllhoffs gründliche Probenarbeit wurde überzeugend
hörbar. Eine Messe als versteckte Opera buffa? Warum denn nicht!
Wenn ein Rossini sie komponiert, freut sich der Himmel allemal.
Nikolaus Cybinski
Aus der Badischen Zeitung vom 21. Mai 2002
Zum Seitenanfang
|