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Trauer als unberechenbare Verlangsamung der Welt



Zeugnis innerer Ruhe: Motettenchor Lörrach singt Dvoraks "Stabat mater" und legt damit Gefühle schonungslos bloß

LÖRRACH. Die Trauer hat ihre eigene Zeit, die sich jeder Messung entzieht. Erfahrbar wird sie als innere Bewegung, deren wesentliche Ausdrucksform nicht die Sprache ist, sondern die Musik. Allein in ihr kann sie zeitlos werden und so erscheinen, wie es dem Hin- und Herwogen der Gefühle gemäß ist. Was immer auch für Dvorak der Anlass gewesen sein mag, 1876/77 sein "Stabat mater" zu komponieren - drei seiner Kinder waren rasch nacheinander gestorben -, ihm wird die Marienklage über den Tod des Sohnes zu einem expressiven Lamento, zur Klänge gewordenen Bewegung in der Ruhe der Zeitlosigkeit.

Es war das überzeugende Verdienst von Stephan Böllhoffs Einstudierung dieses Werkes, dass sie die Zeit aufhob, indem sie sie dehnte. Am Sonntag war es in St. Peter vom Motettenchor, dessen Orchester und einem ausgezeichneten Gesangsquartett zu hören und machte geradezu exemplarisch klar: Trauer, das ist die unberechenbare Verlangsamung der Welt. Böllhoff nahm sich Zeit und gab sie, und seine Musiker, allen voran die Bläser, dankten es ihm mit einem engagierten Spiel ohne emotionale Vorbehalte. Es gibt nur wenige Musiken, in denen die Gefühle so schutzlos bloß liegen wie in Dvoraks "Stabat mater".

Interpretation wird hier zum Zeugnis und Beweis innerer Ruhe. Böllhoff hatte sie jetzt und übertrug sie auf seine Musiker und auf den großen Chor, der sehr homogen und kultiviert singend darin aufging. Mag sein, dass dieses immer wieder eruptive Äußern der Gefühle, die ganz groß ertönende Pathosgeste, nicht jedermanns Sache ist, und warum sollte sie das auch? Entscheidend ist, dass in Böllhoffs Interpretation dieses Pathos nach außen aus einer inneren Leiden(schaft) kam, die es glaubhaft machte, weil es ihm jedes bloße Getöse nahm.

Und entscheidend ist auch, dass dieses Trauerpathos in der Kunst der Schlüsse ganz still werden konnte, reduziert mitunter auf eine flehentliche Stimme oder ein körperloses Pizzicato. Vagabundierende Trauer auch in Gestalt geradezu verführerisch swingender Melodik und in der Wendung ins Offene als betörende Trostmusik: Das wurde zur großen interpretatorischen Leistung, in der sich alles gekonnt ineinander fügte. Der Gesamtklang des Motettenchores blieb jederzeit schlank, die Soprane und Tenöre sangen ihre exponierten Passagen mühelos und hörenswert schön.

Das Gesangsquartett: Sabina Martin, Sopran, Sabine Czinczel, Alt, Bernhard Gärtner, Tenor und Markus Volpert, Bass, erfüllte alle Erwartungen, auch weil es in sich homogen war. Schöne Stimmen waren zu hören, wenn auch das große Raumvolumen der Peterskirche so manches Detail schluckte. Dass die Vier sich gegen das inspiriert spielende Orchester immer wieder behaupteten, bewies das hohe Niveau ihres Singens. Minutenlanger Beifall für eine Interpretation, die gedanklich schlüssig und spiel- und gesangstechnisch hervorragend war.

Nikolaus Cybinski

Aus der Badischen Zeitung vom 20. November 2000


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